
Eine Sirene in einem menschlichen Körper nomadisiert durch die postmoderne Realität eines austrocknenden Planeten während sie Überleben, Identität und Zugehörigkeit auslotet. Teils Sci-Fi, teils Dokumentarfilm, taucht das hybride Debüt in die Merfolk-Subkultur zwischen Selbsterhaltung und politischem Aktivismus ein.
"Im Jahr 2017 erfuhren wir zum ersten Mal online von einer Subkultur von Menschen in Portland, Oregon, die sich als Meermenschen identifizieren und behaupten, sich nicht nur als Sirenen mit Silikonschwänzen zu verkleiden, sondern dies wirklich als Identität in ihrem Alltag zu leben. Nachdem wir Una the Mermaid in Portland zum ersten Mal getroffen hatten – im bürgerlichen Leben eine Gefängnispsychologin – fühlten wir sofort eine ganz besondere Verbindung. Una und ihr Kollektiv verkörperten das, was wir uns schon lange für unsere Sirenenfigur vorgestellt hatten. Eine Sirene, die die Fähigkeit hat, interdisziplinäre Weisheit zu kombinieren, die Mensch, Natur und Maschine miteinander verbindet, während sie versucht, neue Wege des Miteinanders und der Welt zu finden." Interview Regisseurinenn Miri Ian Gossing & Lina Sieckmann, Variety (2025)
"Auf den Spuren von Sirene Una tauchen Miri Ian Gossing und Lina Sieckmann mit ihrem Langdebüt in die merfolk-Subkultur ein. Una nomadisiert durch die postmoderne Realität eines austrocknenden Planeten, der Film gleitet mit ihr – durch Performatives und Genreelemente, Fiktionales und Dokumentarisches. 'I’m part human, I recognize that, but I'm not full.' Die Suche nach dem Selbst und Seelenverwandten führt Una in American Diner, schillernde Hotelzimmer und auf einen Roadtrip mit der jungen Moth. Aus dem Autoradio dräuen die USA unter Trump. Die beiden landen bei anderen Meermenschen in Portland, einer Gruppe zwischen Aktivismus und Selfcare, die die uralten Visionen eines Daseins als hybrides Wesen der Konsumkultur entrissen hat. Liebevoll, kühl, queer, feministisch, technoid und sinnlich zeigen Gossing / Sieckmann Menschen, die ein Leben abseits der Zumutungen einer normierten Gegenwart gewählt haben. Stilistisch brillant und in der Überwindung von Genregrenzen ingeniös – SIRENS CALL ist eine Versuchsanordnung für neue Lebens- und Daseinsformen." Berlinale 2026
"Ein Film, in den frau eintauchen kann wie in klares Wasser: Im Zentrum steht Gina Rønning, eine promovierte Psychologin aus Portland, Oregon, deren 'mersona', Una the Mermaid, durch den Film führt – oder besser: schwimmt. Una sucht nach Gleichgesinnten und findet sie in der tatsächlich florierenden Merfolk-Subkultur. Die Filmemacher*innen inszenieren Unas Geschichte(n) innerhalb der Architektur amerikanischer Konsumorte – die Mall, der Vergnügungspark, ein Wassertheater in Florida – deren 'un-heimliche' Wirkung schon Jean Baudrillard mit seinem Begriff des Simulakrum feierte: Was ist Sein, was Schein? Daraus leiten sie die Frage ab: Was ist Dokumentation, was Fiktion? Die Kombination von körnigem 16-mm-Film und glitzerndem Schuppenkostüm bewirkt eine außergewöhnliche Seherfahrung, die sich sowohl inhaltlich wie auch visuell in einer metaphysischen Welt abzuspielen scheint.
Seit der Antike sind die Attribute der Meerjungfrau Ausdruck dessen, was Klaus Theweleit die 'Angst vor der Körperauflösung' nennt: Wasser, Stimme, hybride Körper. Die Meerjungfrau steht symbolisch für das Fremde und birgt dadurch Gefahr. Bei Homer entgeht Odysseus den fatalen Gesängen der Sirenen nur knapp; bis heute setzt sich dieser Mythos in der rheinischen Loreley fort. Es ist den Filmemacher*innen gelungen, sich diese patriarchisch-tragische Erzählung der Meerjungfrau anzueignen und umzukehren: Der Film bedient sich der Figur der Meerjungfrau als Ausdruck eines Gefühls der Entfremdung in der heutigen Welt. Aus dem abschreckenden Symbol des Todes wird die Meerjungfrau zu einer kollektiven Bedeutungsträgerin für alle diejenigen, die im kapitalistischen System der Vereinzelung Gemeinschaft suchen.” Internationales Frauenfilmfestival Dortmund Köln 2026
• Regie: Miri Ian Gossing und Lina Sieckmann
• Deutschland, Niederlande 2025
• Sprache: Englisch
• 121 Min.
• DCP
• FSK 18
• SIRENS CALL bei Letterboxd
• Infos zu Altersfreigaben & Deskriptoren: www.fsk.de